Einen Staudamm bauen - Was Kinder im Umgang mit Wasser im Waldkindergarten lernen


Unsere Waldkindergartenkinder werden jeden Tag mit dem Wasser und seinen Eigenschaften konfrontiert. Wasser kann nass, warm, kalt, flüssig, fest, weich oder hart sein. Sie erleben, welche Auswirkungen das Wasser auf sie selbst hat. Durch diese täglichen Erfahrungen, das spielerische Erleben und die sinnliche Erfahrung lernen unsere Kinder noch viel mehr als nur die Eigenschaften von Wasser kennen.

Das ganze Jahr über kommen die Kinder fast täglich an einem kleinen Bach vorbei. Sie erleben ihn im Sommer mit sehr wenig Wasser, im Herbst als einen Bach der über seine Ufer tritt und im Winter wenn er zugefroren ist. Natürlich animiert er auch zum Bau von Staudämmen und dazu, dem Bachlauf neue Wege zu geben. Es ist eine beliebte Arbeit, an der sehr sich viele beteiligen, häufig fast die gesamte Gruppe. Dabei können wir sehr gut beobachten, wie die Kinder sich ausprobieren, ins Gespräch kommen, Pläne schmieden, sich Hilfe holen und ihre Pläne in die Tat umsetzen. Und wie die Kinder Basiskompetenzen wie Selbst-, Sozial- und Lernkompetenzen entwickeln.

 

Das Staudamm-Projekt

 

Am Dienstag arbeiten die Kinder fast den ganzen Morgen, nur unterbrochen durch das Frühstück, am "Staudamm". Steine, Äste und Zweige die sie in der Umgebung finden, werden herbei geschafft. Dabei werden auch sehr schwere Steine bewegt - entweder zu zweit getragen oder gerollt. Große Äste werden hinter sich her gezogen, festsitzende Steine ausgegraben, mit den Händen und/oder mit einem Stock bewegt. Beim Versuch, die Steine auf einander zu schichten, stellen die Kinder fest, dass nicht alle auf einander liegen bleiben. Sie probieren aus, überlegen und finden Lösungen. Prompt taucht das nächste Problem auf: Der Damm ist nicht dicht. Was nun? Nach einigen Überlegungen kommen die Kinder auf die Idee, mit Schlamm, Blättern und kleinen Steinchen den Damm abzudichten. Nach fast vier Stunden haben sie es geschafft und die Kinder sind zufrieden.

 

Am nächsten Tag im Morgenkreis äußern einige Kinder den Wunsch, zu ihrem Staudamm zu laufen. Sie müssen überprüfen, ob alles okay ist. Gemeinsam überlegen und beraten Kinder und Erzieherinnen, wie der Tagesablauf aussehen soll, Gegenargumente werden natürlich in die Diskussion mit einbezogen, Die Gruppe einigt sich, wieder zum Staudamm zu gehen. Der Staudamm vom Vortag wird überprüft, ausgebessert und ein neuer in Angriff genommen. Die Aktion entwickelt sich zu einem Projekt.

 

Im Abschlusskreis greifen wir das Thema auf und die Kinder erzählen, was sie über Staudämme gehört haben. Einer hat ein Buch zu Hause, das will er morgen mitbringen. Die Kinder wollen noch mehr wissen über Staudämme und das Projekt ist in vollem Gange. Am Nachmittag und am Sonntag gehen die Kinder mit ihren Eltern zu den Staudämmen und zeigen ihnen stolz ihr Werk.

Umsetzung des Bildungsauftrags

 

• Partizipation:

An diesem Beispiel ist gut zu erkennen, wie in Wald- und Naturkindergärten die Partizipation im Alltag praktiziert wird. Es gehört zum Konzept der Einrichtungen, dass die Kinder in den Tagesablauf aktiv mit eingreifen und so tagtäglich erleben, dass ihre Meinung zählt und sie mit ihren Wünschen, Bedürfnissen ernst genommen werden (sowohl von anderen Kindern, als auch von den Erwachsenen). Bei dieser Aktion erlebt sich das einzelne Kind als ein wichtiger Teil einer Gemeinschaft. Und die Erwachsenen werden als gleichberechtigte Partner wahrgenommen, die sich nur soviel wie nötig einschalteten und somit den Lernprozess bei den Kindern unterstützen.

 

• Selbst-, Sozial- und Lernkompetenz:

Konflikte werden ausgehalten und gelöst. Verantwortung übernommen. Die Kinder helfen und unterstützen sich gegenseitig. Sie stellen sich eigene Aufgaben, stellen Fragen, suchen nach Antworten, entdecken eigene Lösungswege. Sie erhalten ausreichend Zeit und Raum, um eine Situation zu erfassen, Ideen zu entwickeln, auszuprobieren, Fehler zu machen und sich zu korrigieren. Gemeinsam werden Probleme erkannt, Lösungen gesucht und Probleme gelöst.

 

Umfassendes Lernen

 

Beim Staudammbau lernen die Kinder auf ganz unterschiedlichen Gebieten, die als sachorientierte Bildungsbereiche in den Bildungsleitlinien aufgeführt werden.

 

• Körper, Gesundheit und Bewegung:

Körpererfahrung und Bewegung in der Natur - bei jedem Wetter vier Stunden täglich - ist ein fester Bestandteil des Waldkindergarten-Alltags.

 

• Sprache(n), Zeichen/Schrift und Kommunikation:

Behandlung des Themas Staudamm im Gesprächskreis mit Regeln, die auch von den Kindern selbst aufgestellt wurden. Neben dem Vorlesen aus Bilderbüchern wird die Kommunikation der Kinder untereinander gefördert.

 

• Mathematik, Naturwissenschaft und Technik:

Planung des Staudammes, Materialbeschaffung, Beobachtung und experimentieren

 

• Kultur, Gesellschaft und Politik:

Anregung zum Mitmachen, zum eigenen Engagement: "Ich habe ein Buch zu Hause über Staudämme, kann ich das mitbringen?" "Lass uns in die Bücherei gehen!"

 

• Religion, Philosophie und Ethik:

Am Anfang des Projekts standen die Fragen: Woher kommt das Wasser? Wohin will es? Warum nimmt es diesen Weg?

 

• Musisch-ästhetische Bildung:

Themenbegleitende Lieder und Fingerspiele: "Klein Häschen wollt spazieren gehen" (Verfasser unbekannt), "Regenlied" aus Das Liedernest, "Es regnet, Gott segnet" aus Willkommen lieber Tag

 

Medien

 

Als das Buch über Staudämme erwähnt wird, sprechen wir auch über Fernsehen, Computer und Büchereien und darüber, in wieweit sie bei unseren Nachforschungen helfen können. Wir benutzen einen Fotoapparat, um das Projekt zu dokumentieren. Außerdem überlegen wir, ob wir beim nächsten Mal zusätzlich noch einen Camcorder einsetzen.

 

Fazit

 

Der Bildungsplan kann natürlich auch in Wald- und Naturkindergärten ohne Schwierigkeiten erfüllt werden. Viele Themen entwickeln sich aus dem Alltag heraus, wie in diesem Beispiel. Andere Themenbereiche lassen sich durch gezielte Angebote abdecken. Wichtig ist jedoch auch, sich der Förderung im "alltäglichen", gerade in Bezug auf die Basiskompetenzen und die Querschnittsdimensionen, bewusst zu sein.

 

Sander, Marie-Luise (2006, Januar). Die Natur und Wissenschaft. Einen Staudamm bauen. Wissen & Wachsen, Schwerpunktthema Naturwissenschaft und Technik, Praxis.

Verfügbar über: www.wissenundwachsen.de/page_natur.aspx [16.05.2007]

 

 


Gemeinsam geht es besser - Umweltbildung und -erziehung im Kindergarten


Almut Reidelhuber hat für das Bayerische Staatsministerium für Arbeit und Sozialordnung, Familie und Frauen in einer 2005 aktualisierten Broschüre von 1997 die Entwicklung der Umweltbildung und -erziehung im Kindergarten, ihre Richtziele und Gestaltung dargestellt. Im Vorwort von Prof. Dr.Dr.Dr. W.E. Fthenakis, Direktor des Staatsinstituts für Frühpädagogik München, heißt es dazu:

 

"(...) Die Broschüre gibt Anregungen, wie umweltpädagogische Praxis heute aussehen kann. Sie vermittelt einen Eindruck von den vielfältigen Möglichkeiten, die die Arbeit im Kindergarten auch im Kontext Umweltbildung und -erziehung reich und bunt erscheinen lässt. (...) Erzieherinnen suchen im Kindergarten gezielt nach Wegen, den Kindern ihre grundlegende Auffassung von Umwelt und Umweltschutz verständlich zu machen. Eine gute Methode bietet das Arbeiten in Projekten. Die Broschüre zeigt die Vorteile auf, die die Projektarbeit bei der praktischen Umsetzung der Umwelterziehung bietet. Ein detailliert beschriebenes Praxisbeispiel gibt Anregungen, wie ein Projekt zur Umweltbildung und -erziehung konkret aussehen kann, welche Veränderungen im Projektverlauf eingeleitet werden können und wie diese auf die Einstellung und das Verhalten von Kindern sowie auf die Gestaltung des Kindergartens Einfluss nehmen. (...)"

 

Die Broschüre "Gemeinsam geht es am besten - Umweltbildung und -erziehung im Kindergarten wurde herausgegeben vom Bayerischen Staatsministerium für Arbeit und Sozialordnung, Familie und Frauen, Winzererstraße 9, 80792 München und ist dort unter der Nr. 10/97/26 erhältlich. Die komplette Broschüre ist außerdem im Internet als PDF-Dokument unter ww.stmas.bayern.de/kinderbetreuung/tageseinrichtungen/umwelt.pdf zu finden.

 

(ir)