Waldpädagogik oder Pädagogik im Waldkindergarten?


 

Die Pädagogik in Waldkindergärten heißt „Waldpädagogik“! Das ist doch ganz klar, denn die Waldkindergärten machen doch Pädagogik im Wald und unser Schwerpunkt liegt auf dem Naturerleben und –erfahren mit all den dazugehörigen naturkundlichen und ökologischen Kenntnissen rund um den Wald. Außerdem toben wir doch den ganzen Tag im Wald herum und beschäftigen uns kreativ und fantasievoll mit den Materialien, die der Wald uns bietet.

 
Stimmt doch – oder doch nicht?

Nur der Wald, nicht anderes? Keine Projekte über Farben, Musik, Indianer…? Keine Ausflüge zur Polizei, zur Feuerwehr, in die Bücherei?

Keine Fingerspiele, keine Lieder, keine Geschichten? Keine Gedanken darüber, wie das einzelne Kind am besten zu fördern ist?

Ich höre schon jetzt den Aufschrei aller ErzieherInnen beim Lesen dieser Zeilen: So ein Quatsch, natürlich machen wir das alles, wir nehmen unseren Erziehungsauftrag ernst, selbstverständlich haben wir einen Bildungsauftrag, der umfassend ist und nicht nur den „Wald“ mit seinen vielfältigen Aspekten meint.

Warum wird dann aber so häufig, wenn wir über Waldkindergärten und ihre Pädagogik sprechen, das Wort „Waldpädagogik“ benutzt?

Zugegeben, „Waldpädagogik“ klingt kurz, griffig und inhaltsschwer. Jeder meint, eine Vorstellung davon zu haben.

Aber in welchem Kontext ist der Begriff „Waldpädagogik“ entstanden und wie wird er benutzt?

 

Und was ist Waldpädagogik nun?

Eine erste Annäherung finden wir, wenn wir bei Google den Begriff „Waldpädagogik“ eingeben: über 150.000 Treffer, und bei der Durchsicht der ersten 50 Links fällt auf, dass vor allem Seiten aus dem forstlichen und Umweltbildungsbereich angegeben sind.

Im bayerischen Leitfaden für forstliche Bildungsarbeit (1) der bay. Staatsforstverwaltung ist Waldpädagogik „nach dem Waldgesetz für Bayern als Bildungsauftrag eine Aufgabe der Forstbehörden“. Gleichzeitig wird der Begriff „Forstliche Bildungsarbeit“ bevorzugt, um deutlich zu machen, dass alle Altersgruppen angesprochen werden sollen und nicht nur Kinder.

In NRW gibt es seit 2003 das „Waldpädagogische Forum“, einen offenen Arbeitskreis, in dem sich Fachleute aus den unterschiedlichsten Bereichen der Natur und Kulturwissenschaften, Biologen, Waldbesitzer, Förster, Waldschulen, Jäger und Umweltbildungseinrichtungen wie die NUA zweimal jährlich treffen, um die waldpädagogische Arbeit in NRW zu intensivierten und zu bündeln.

In NRW wird Waldpädagogik als ein Aspekt der gesetzlich geforderten Öffentlichkeitsarbeit der Forstbehörden praktiziert.

Der Landesverband besucht diese Treffen regelmäßig, um den Kontakt zu Forstämtern etc. zu halten und zu fördern, diesen als Ansprechpartner für die Waldkindergärten zur Verfügung zu stehen und die für die Waldkindergärten relevanten Erkenntnisse aus den Tagungen weiter zu geben.

Das Waldpädagogische Forum versteht unter Waldpädagogik „alle pädagogischen Bemühungen im Wald, für den Wald und zum Thema Wald, die die sinnliche Wahrnehmung, die Erlebnisfähigkeit und das Wissen und praktische Fähigkeiten fördern“ . Auch hier sind „Menschen aller Altersstufen“ angesprochen. Letztlich wird „das Ziel einer Bildung für nachhaltige Entwicklung“ verfolgt (2). Die vielfältigen Aspekte sind jeweils Schwerpunktthemen der Tagungen.(www.waldpaedagogisches-forum-nrw.de).

Der bayerische Leitfaden für forstliche Bildungsarbeit präzisiert jedoch auch die inhaltlichen Forderungen an die Waldpädagogik:

• „Vermittlung des Ökosystems Wald in all seinen Facetten,

• Darstellung der vielfältigen Schutz-, Nutz- und Erholungsfunktion des Waldes

• Information über Voraussetzungen und Wirkungen einer naturnahen Nutzung im Wald und

• Begeisterung für die Idee der forstlichen Nachhaltigkeit mit dem Ziel, sie als Grundwert für die Gestaltung des eigenen Lebens zu verinnerlichen“. (1)


In Baden-Württemberg ist Waldpädagogik seit 1995 als gesetzliche Aufgabe der Forstverwaltungen im Landesgesetz verankert mit dem Ziel, eine Beziehung zwischen den Menschen und dem Wald aufzubauen und ganzheitliches Wissen über natürliche Systeme zu vermitteln. Methodisch ist vor allem ein Ansatz zu sehen, der das Erleben, das selber Machen und die authentische originäre Begegnung mit dem Wald in den Vordergrund stellt: „Einmal erleben ist besser als hundert Mal hören!“, da zunehmend beobachtet wird, dass sich das Naturwissen von dem Naturerlebnis und der Naturerfahrung entfernt (www.wald-online-bw.de).

Der Verein der Waldpädagogen Österreichs legt seinen Fokus eher auf die Zielgruppe Kinder: „Klassenzimmer im Wald: Spielen – Forschen – Lernen“ mit ähnlichen wie den obengenannten Zielen (www.waldpaedagogik.at).

Im Internetportal für ErzieherInnen (www.kigaweb.de) wird Naturpädagogik mehr als Terminus für eine pädagogische Richtung als ein genau festgelegtes pädagogischen Konzept definiert. Die Autorin fasst Naturpädagogik, Umweltpädagogik, Umwelterziehung, Naturerlebnispädagogik und Ökologisches Lernen unter dem Oberbegriff Umweltbildung zusammen, da das gemeinsame Ziel dieser Ansätze die Vermittlung von Naturverständnis und ökologischem Handeln sei.

Fassen wir zusammen: Waldpädagogik meint eine waldbezogene außerschulische Umweltbildung, die die Forstämter auf Grund ihres gesetzlichen Auftrages (Landesforstgesetze) leisten. Letztendlich ist sie der Bildung für nachhaltige Entwicklung verpflichtet.


Und was machen dann die Waldkindergärten?

Die Pädagogik im Waldkindergarten ist wie in jedem Kindergarten grundsätzlich geprägt von verschiedenen Konzepten der Elementarpädagogik. Sie richtet sich nach den gesetzlichen Rahmenbedingungen und Handreichungen für Kindertageseinrichtungen (GTK und Bildungsvereinbarung in NRW). Sie hat das ganze Kind im Blick, dessen Entwicklung, dessen Stärken sie fördern und dessen Schwächen sie ausgleichen möchte.

Der Bildungsbegriff im Kindergarten ist umfassend ausgelegt: Die Entwicklung der Persönlichkeit des Kindes, seine Entwicklungspotentiale und seine schöpferischen Verarbeitungsmöglichkeiten sollen gefördert werden, um die Kinder auf künftige Lebens- und Lernaufgaben vorzubereiten. (3)

Unbestreitbar bereichern bewährte Elemente aus der Waldpädagogik, der Naturerlebnispädagogik und der Wildnispädagogik die tägliche Arbeit im Waldkindergarten, dessen Besonderheit gerade der intensive Bezug zum Wald und zur Natur ist. Trotzdem ist es sein Auftrag, den umfassenden Bildungsbegriff (s.o.) zu erfüllen und es ist sein Anspruch, dieses auch zu verwirklichen. Das dieses hervorragend gelingt, beweist die bekannte Untersuchung von Dr. Peter Häffner zur Schulfähigkeit vom Kindern aus Waldkindergärten.

Von manchen ErzieherInnen wird der Wald im Waldkindergarten als „vorbereitete Umgebung“ im Sinne von Maria Montessori aufgefasst, er ist der Raum und die Umgebung mit anderen Materialien, der die Kinder anregt und fordert und Bildungsprozesse in allen Entwicklungsbereichen wie ein Katalysator unterstützt.

Fast alles ist im Wald möglich, manches aber auch nicht. Im Qualitätshandbuch des Landesverbandes NRW beschäftigt sich das Kapitel „Der Wald“ mit den spezifischen Bedingungen.

 
Wohin entwickelt sich die forstliche Waldpädagogik?

Die Potsdamer Konferenz zur Waldpädagogik der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald e.V., die am 19. und 20. Juni 2006 unter dem Titel: „Eine bessere Gesellschaft durch Waldpädagogik“ stattfand, verabschiedete eine Erklärung, die Empfehlungen und Forderungen zur Waldpädagogik enthält. Ein wald- und umweltbezogenes Bildungs- und Erlebnisangebot wird als „Schlüsselinstrument“ gegen die zunehmende Tendenz der Naturentfremdung bei Jugendlichen gesehen, deshalb sollte Waldpädagogik auch in Kindergärten und Schulen angeboten werden. Wissenschaftliche Forschungen hätten die Bedeutung von Naturerleben für die Persönlichkeitsentwicklung und die soziale Kompetenz von Kindern und Jugendlichen gezeigt (Der Rundbrief des Landesverbandes berichtete über die Forschungen von Dr. Brämer, Uni Marburg zu diesem Thema).

Diese Aussagen bedeuten im Kern eine Ausweitung der bisherigen Ziele der Waldpädagogik: Hinzu kommen neben der Umweltbildung auch persönlichkeitsbildende und –entwickelnde Ziele sowie die Entwicklung und Stärkung der sozialen Kompetenz.

Interessant sind zu diesem Thema u.a. die Vorträge von Dr. Eberhard Boley: Bildung durch Bewegung: Lernen mit allen Sinnen und (auch zur Geschichte der Waldpädagogik) der Vortrag von Klaus Radestock: Waldpädagogik in Brandenburg, Theorie und Praxis. (4)

 
Klare Sprache, klare Ziele

Trotz der vielen Gemeinsamkeiten von Pädagogik im Waldkindergarten und forstlicher Waldpädagogik unterscheiden sie sich klar in ihrer gesetzlichen Grundlage und ihrem Auftrag.

Es ist deshalb sehr sinnvoll, die Bezeichnungen Waldpädagogik und Pädagogik im Waldkindergarten in einem ersten Schritt klar von einander zu trennen und sie der inhaltlichen Aussage entsprechend zu benutzen. In einem zweiten Schritt sind die Waldkindergärten gut beraten, sich verstärkt der Präzisierung der Pädagogik im Waldkindergarten zu widmen, um ihr Profil in der Pädagogik- und Bildungslandschaft zu schärfen.

 

(1) Forstliche Bildungsarbeit, Waldpädagogischer Leitfaden nicht nur für Förster, Hrgb: Bayer. Staatsministerium für Landwirtschaft und Forsten, 5. Auflage 2001 ISBN 3-00-001292-3, 24,-€ zzgl. Versandkosten

(2) Info-Flyer des Waldpädagogischen Forums NRW, Geschäftstelle: NUA, Recklinghausen

(3) Download der Bildungsvereinbarung NRW unter: www.tageseinrichtungen.nrw.de

und in Zukunft unter: www.mgffi.nrw.de

(4) www.sdw.de, Link zu „Erfolgreiche Tagung 2006“ und „Potsdamer Erklärung“


akl