
Waldkindergärten sind eine neue Alternative und Perspektive in der Vorschulpädagogik. Ausschlaggebend für die Gründung vieler Einrichtungen dieser Art war der starke gesellschaftliche Wandel (...), der im Laufe der Zeit zu einer Beeinträchtigung der Erfahrungsmöglichkeiten von Kindern führte. Diesen Veränderungen will die Waldkindergartenbewegung Rechnung tragen.
Es gibt derartige Einrichtungen in Deutschland seit Anfang der neunziger Jahre. Nicht nur bei Eltern und Pädagogen, sondern auch in der breiten Bevölkerung erfreuen sie sich immer größerer Beliebtheit. Naturkindergärten unterscheiden sich nicht wesentlich von Waldkindergärten. Sie nutzen lediglich dort, wo kein oder nur wenig Wald, Wiesen oder Felder vorhanden sind, auch andere Naturräume wie z. B. Meer, Strand oder Dünen. Zur Zeit gibt es rund 350 Waldkindergärten in Deutschland, Tendenz weiter steigend. Eine genaue Zahl lässt sich schwer vermelden, da nicht alle Natur- und Waldkindergärten einer Dachorganisation angeschlossen sind und ständig Neugründungen hinzu kommen.
Entstehungsgeschichte in Deutschland
Die beiden Erzieherinnen Kerstin Jebsen und Petra Jäger gründeten 1993 in Flensburg die erste Einrichtung dieser Art in Deutschland. Während ihrer Ausbildung interessierten sich die beiden Avantgardistinnen für alternative Formen in der Kindergartenpädagogik. Durch einen Artikel von Ursula FRIEDRICH in der Fachzeitschrift „spielen und lernen“ im April 1991 mit der Überschrift „Ein Kindergarten ohne Türen und Wände“ wurden sie auf die Waldkindergartenbewegung in Dänemark aufmerksam.
Mehrere Besuche in Waldkindergärten in Dänemark bestärkten sie in ihrem Vorhaben, eine eigene Einrichtung dieser Art zu gründen. Ende September 1991 arbeiteten sie mit Pädagogen und Psychologen ein Konzept aus und gründeten einen Verein. Nach zahlreichen Besuchen bei den zuständigen Behörden wie der Stadt Flensburg, beim Sozialministerium Schleswig-Holstein und beim Landesjugendamt wurde ihr Verein im Oktober 1992 anerkannt und wird seit 1993 vom Land Schleswig-Holstein und der Stadt Flensburg gefördert (HOMEPAGE WALDKINDERGARTEN FLENSBURG 1997). Ein Jahr später eröffneten bereits der Naturkindergarten Lübeck und der Waldkindergarten in Berglen in Baden-Württemberg. Nach diesen Vorbildern entstanden immer mehr derartige Einrichtungen in Deutschland.
Neben diesem klassischen Konzept der Waldkindergärten existiert bereits seit 1968 eine privat organisierte Einrichtung in Wiesbaden. Ins Leben gerufen wurde diese von Frau Ursula Sube, die hierfür ihrerseits keinen expliziten Namen in Erwägung zog bzw. sich der Gründung einer Alternativinstitution in dieser Form damals nicht bewusst war. Ein festgelegtes Konzept hatte sie nicht. Durch den Tod ihres Mannes musste sie alleine für ihren fünfjährigen Sohn und sich sorgen. Da es in der damaligen Zeit an Kindergartenplätze mangelte, entschloss sie sich, einen „Waldkindergarten“ zu gründen. Nach anfänglicher Skepsis seitens des Jugendamts und des zuständigen Gesundheitsamtes bekam sie nach einer Ortsbesichtigung die Genehmigung 15 Kinder mit in den Wald zu nehmen (MIKLITZ 2000). Sie wurde zu keiner Zeit finanziell von staatlicher Seite unterstützt und lebte ausschließlich von den Elternbeiträgen. Frau Sube leitete bis ins hohe Alter von 72 Jahren diese Einrichtung selbst. Seit 1998 ist der Kindergarten unter neuer Leitung.
Unterschiede zwischen Regelkindergarten und Waldkindergarten
Der „reine“ Waldkindergarten, in seiner ursprünglichen Form, unterscheidet sich wesentlich von einem Regelkindergarten. Ein eigenes Kindergartengebäude existiert nicht. Die Kinder spielen bei „Wind und Wetter“ an der frischen Luft. Dies ermöglicht es den Kleinen, den jahreszeitlichen Rhythmus direkt wahrzunehmen. Auch die Betreuungszeiten sind unterschiedlich: in der Regel sind es im Sommer vier, im Winter drei Stunden. Des weiteren: im Waldkindergarten ist der Bewegungs- und Aktionsraum bedeutend größer als in geschlossenen Räumen. Folglich kann der natürliche Spiel- und Bewegungsdrang, den Kinder in diesem Alter haben, ungehindert ausgelebt werden. Der Wald bietet viel Platz zum Tanzen, Laufen, Springen, Spielen, Verstecken, Matschen u. v. m.. Aber nicht nur die Grobmotorik kann im Modell des Waldkindergartens besser entwickelt werden, auch die Bildung feinmotorischer Fähigkeiten kommt im Waldkindergarten nicht zu kurz. Die natürliche Umgebung trägt maßgeblich zum körperlichen und seelischen Wohlbefinden der Kinder bei. Das Immunsystem wird durch den Aufenthalt in der frischen Luft gestärkt. Waldkindergartenkinder erkranken seltener an Erkältungen als im Regelkindergarte n, wo sie sich oftmals in überhitzten Räumen aufhalten (GAMILLSCHEG 1987). Durch die Weite des Raumes können aufgestaute Aggressionen besser abgebaut werden. Dies kommt nicht nur hyperaktiven Kindern zu gute. Die Kinder entwickeln ein positives Verhältnis zur Natur. Sie erfahren den Wald als etwas einmaliges, das es besonders zu schützen gilt. Hier wird bereits der Grundstein gelegt für einen verantwortungsbewussten Umgang in und mit der Natur im Erwachsenenalter.
Beim Umgang mit Spielzeug liegt ein diametraler Unterschied zwischen Waldkindergärten und Regelkindergarten vor. Abgesehen von einigen wenigen Werkzeugen wird völlig auf vorgefertigtes Spielzeug verzichtet. Die Kinder sind in diesem Bereich auf sich gestellt. Dies unterstützt in hohem Maße die Sprachentwicklung, da sie auf die verbale Kommunikation mit anderen Kindern angewiesen sind. Im Wald gibt es keine reizüberfluteten Spielbereiche, wie es häufig in Regelkindergärten der Fall ist. Die Kinder „spielen mit Wurzeln und Stöcken statt mit Puppen und Legosteinen“ (DER SPIEGEL, Nr. 13, 1998, S. 148). Dieses Verhalten fördert die Selbständigkeit, die Kreativität und vor allem die Phantasie der Kinder. Probleme wie zu große Gruppen oder ein begrenztes Raumangebot - wie es in Regelkindergärten häufig angetroffen werden kann – treten nicht auf.
Die Gruppengröße liegt bedeutend unter der in normalen Regelkindergärten. Meist formiert sich eine solche Gruppe aus 15 bis 20 Kindern. Diese werden von mindestens zwei, in einigen Waldkindergärten sogar von drei Personen betreut. Durch diesen günstigen Personalschlüssel bleibt durchschnittlich für edes einzelne Kind bedeutend mehr Zeit. Fällt eine Erzieherin oder ein Erzieher wegen Krankheit aus, übernimmt meist eine Mutter deren Vertretung (WALDKINDERGARTEN MÜNCHEN/WALDKINDERGARTEN SATRUP).
Die meisten Einrichtungen dieser Art besitzen einen Bauwagen oder eine Schutzhütte, in die sich die Gruppe bei plötzlichen Wetterumschwüngen oder widrigen Witterungsverhältnissen wie Sturm und starkem Regen zurückziehen kann. Dies kommt im Alltag aber nur sehr selten vor. Die Kinder halten sich üblicherweise auch bei Regen, Schnee oder Minustemperaturen im Wald auf. Einige Waldkindergärten haben für Tage mit sehr schlechter Witterung bei öffentlichen Trägern oder anderen Institutionen eigens Räumlichkeiten angemietet, um im Bedarfsfall stets einen geregelten Kindergartentag gewährleisten zu können.
Der Kostenaufwand ist bedeutend geringer als bei Regeleinrichtungen. Es fallen keine Ausgaben für Gebäude, Heizung, Reinigung, Instandhaltung, Wartung usw. an. Da der Waldkindergarten völlig auf vorgefertigte Spielsachen verzichtet, fallen hierfür auch keine Kosten an. Neben kleineren Aufwendungen für Bastelmaterialien, Werkzeuge und andere kleinere Anschaffungen sind fast ausschließlich Personalkosten zu entrichten.
In unserer technisierten Welt sind Primärerfahrungen im Leben eines Kindes von besonderer Bedeutung. Der Waldkindergarten bietet durch seine facettenreiche Vielseitigkeit reichlich Möglichkeiten und genug Raum für solche „unmittelbaren“ Erfahrungen. Viele Kinder haben in der heutigen Zeit keinen direkten Kontakt mehr zur Natur. Durch den Umgang in der Natur haben Kinder aber ideale Möglichkeiten, eine Vielzahl von Erfahrungen zu machen und somit zur optimalen Entwicklung ihrer Sinne beizutragen.
Grundsätzlich stehen viele Waldkindergärten einer Aufnahme von behinderten Kindern positiv gegenüber. Dies trägt bereits im Kindergartenalter maßgeblich zum Abbau von Vorurteilen gegenüber behinderten Menschen bei. Abhängig ist dies vom Grad der Behinderung und sollte zuvor von einem Kinderarzt beurteilt werden (WALDKINDERGARTEN WALDENBUCH, TÜBINGEN, WILHELMSDORF; BAD LIEBENZELL, UNTERHACHING u. v. m.).
Vom organisatorischen Standpunkt her gesehen gibt es die wenigsten Unterschiede zwischen einem Waldkindergarten und einer Regeleinrichtung. Die monatlichen Kosten gestalten sich ähnlich. In den meisten Waldkindergärten entspricht der Elternbeitrag dem eines Regelkindergartens (WALDKINDERGARTEN LOHR, ROTENBURG UND SCHÖNBERG). Verletzungen kommen üblicherweise im Waldkindergarten im geringeren Ausmaß vor (HOMEPAGE WALDKINDERGARTEN ROTENBURG). Bei den Betreuungstagen gibt es keine wesentlichen Unterschiede. Die Zahl der freien Tage stimmen meist mit denen der Regelkindergärten vor Ort überein."
(aus der Dissertation "Natur- und Waldkindergärten in Deutschland - eine Alternative zum Regelkindergarten in der vorschulischen Erziehung", vorgelegt bei der Fakultät für Verhaltens- und empirische Kulturwissenschaften an der Universität Heidelberg von Peter Häfner)
Unter der Internetadresse www.wissenundwachsen.de, die vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend herausgegeben wird, findet man im Bereich "Naturwissenschaft & Technik" > "Wissen" einen ausführlichen Beitrag von Ingrid Miklitz über Allgemeingültiges zum Thema Waldkindergärten in Deutschland.
Am 28. September 2006 fand in Bergisch-Gladbach eine große Fachtagung anlässlich des 10-jährigen Bestehens der ersten drei nordrhein-westfälischen Kindergärten statt: AWO Waldkindergarten Bergisch-Gladbach, Waldkindergarten Dormagen und Waldkindergarten Sprockhövel.
Vor ca. 200 TeilnehmerInnen erinnerte der Bürgermeister von Bergisch-Gladbach in seinem Grußwort an die Schwierigkeiten der Auswahl von unbelastetem Waldarealen, aber auch den Willen des Jugendamtes Bergisch-Gladbach, einen WKG zu realisieren, der inzwischen etabliertes Mitglied in der Kita-Landschaft ist.
Bernt-Michael Breuksch vom MGFFI in NRW erinnerte an die Vorbehalte zu Waldkindergärten vor 10 Jahren, die inzwischen alle ausgeräumt und widerlegt worden sind und betonte vor dem Hintergrund der GTK-Novellierung, dass der Landesregierung die Vielfalt in der Kindergartenlandschaft wichtig sei und die Waldkindergärten von daher ein wichtiger Teil seien.
Frau Rudolph vom Verband der Umweltberater (VUB) hielt einen humorigen Vortrag über die Anfänge der Waldkindergärten und leitete dann über zur Frage, was die Waldkindergärten für die Gesellschaft bedeuten und wie sie bis jetzt in die Gesellschaft hinein bewirkt haben. Ihr Ergebnis: Das Bewußtsein, dass eine Beschäftigung und das Lernen im Wald für Kinder ungeahnte Potentiale birgt und freisetzt, ist inzwischen auch im Grundschulbereich angekommen, so dass Grundschulen ganze Wochen im Wald verbringen und über die positiven Wirkungen auf die Kinder begeistert sind.
Danach berichteten ErzieherInnen und Vorstandsvertreter der drei „Geburtstagskinder“ über ihre Erfahrungen bei der Gründung, der Führung und den Zukunftsperspektiven der Waldkindergärten. Besonders interessant war der Bericht über die Erfahrungen einer Mutter, die plötzlich als Vorstand einen kleinen Betrieb zu leiten hatte, ein Thema, in dem sich sicherlich sehr viele Vorstände wiederfinden.
Aber die Realität holte uns auch hier ein, denn wir hörten über eine unsichere Zukunft eines der Jubilare. Da tröstete auch nicht die vorherige Bemerkung der Bürgermeisters, der meinte, das Argument, einen Waldkindergarten schnell schließen zu können, da keine großen Investitionskosten angefallen wären, sei inzwischen vom Tisch.
Aber es wurde auch von erheblicher Nachfrage nach Waldkindergartenplätzen berichtet, so dass eine Spielgruppe eröffnet werden wird.
Hier wird deutlich, wie abhängig die Waldkindergärten auch von den lokalen Gegebenheiten sind.
Annegret Kollmeier-Loew vom Landesverband sprach zur Entstehung und den Inhalten des Qualitätshandbuches und der Zertifizierung nach Qualitätskriterien, ein Thema, das viele anwesende ErzieherInnen sehr interessierte, denn in den Pausen danach war der Infostand des Landesverbandes sehr stark frequentiert und das Qualitäts-Handbuch das Hauptthema in den Gesprächen.
Als Abschlussvortrag am Nachmittag sprach Herr Dr. Rainer Strätz vom Sozialpädagogischen Institut in Köln zur Umsetzung der Bildungsvereinbarung im Waldkindergarten, an dessen Entwicklung er maßgeblich beteiligt war. Sein Fazit nach 10 Jahren Erfahrungen mit Waldkindergärten: In der Umgebung des Waldes können die Kinder die Grundlagen für den weiteren Bildungsweg problemlos legen: u.a. Selbstbewußtsein, Eigenständigkeit, Ausschöpfen der eignen Entwicklungspotentiale und vielfältige Möglichkeiten der schöpferischen Verarbeitung. Auch die Bildungsbereiche, die Dr. Strätz zusätzlich explizit formulierte - Musik und Werteerziehung - sind Alltag im Waldkindergarten. Als besondere Domäne der Waldkindergärten betonte Dr. Strätz u.a. den alltäglichen Umgang mit Komplexität und die vielfältigen Bewegungsmöglichkeiten, die der Wald bietet.
Die verschiedenen Foren, die ebenfalls am Nachmittag angeboten wurden, waren alle ausgebucht - kein Wunder bei den z.T. sehr aktuellen Themen.
Insgesamt sind wir sehr zufrieden mit der gesamten Veranstaltung und der doch sehr erfreulichen Resonanz, konnten doch auch wir vom Vorstand wieder einige neue Kontakte knüpfen.
Und diejenigen, die nicht dabei waren, seien damit getröstet, dass sie im Frühjahr 2007 die Tagungsdokumentation werden kaufen können, um auch etwas den Geist dieser Tagung nachvollziehen zu können. Wir werden Sie informieren.
akl
11. September 2010 11:00
Umweltzentrum Düsseldorf, Merowingerstr. 88
26. und 27. November 2010 - Jugendherberge Ratingen
FORTBILDUNG: Reflexion in Action Methodischer und didaktischer Transfer von Erster Handerfahrungen hinein ins Langzeitgedächtnis, Fortbildung mit Anders Szczepanski, Schweden
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